Kommunales Kino Bremerhaven > Filmarchiv > 2011 > Koki Filmprogramm 01.2011

5.1. "Bal – Honig" 18.00/20.30

Der sechsjährige Yusuf lebt mit seinen Eltern im Nordosten Anatoliens, in den waldreichen Bergen der Schwarzmeer-Region. Yakub, sein Vater, ist Imker und durchstreift die nahezu unberührten Wälder, immer auf der Suche nach guten Plätzen für seine Bienenstöcke, die er mit Vorliebe in den Baumkronen aufstellt. Yusuf saugt alles begierig auf, was der Vater ihm über die Bienenzucht beibringen kann. Aber nicht nur das. Yakub lehrt ihn auch die Geheimnisse der Natur, die Namen der Pflanzen und Tiere, die Schönheit der Landschaft. Der Regisseur Semih Kaplanoglu hat mit „Bal“ den letzten Teil seiner rückwärts erzählenden Trilogie gedreht: In „Yumurta“ geht es um den Schriftsteller Yusuf als Mann von 40 Jahren, in „Süt“  sieht man den jungen Studenten, in „Bal“ schließlich das sechsjährige Kind. Mit den Augen dieses Jungen entdeckt der Zuschauer die alltäglichen Wunder der Natur wieder. Die Musik wird ersetzt durch das Rauschen der Blätter im Wind. Eine Welt voller poetischer Schönheit tut sich vor einem auf, die alle Sinne aktiviert und die satte Landschaft der anatolischen Berge körperlich spürbar werden lässt. Und es ist ein Film über die bedingungslose gegenseitige Liebe zwischen Vater und Sohn. Als Yakub eines Tages nicht mehr wiederkehrt, macht sich Yusuf alleine auf den Weg in die Wälder, um ihn wiederzufinden. Mit „Bal“ ist Kaplanoglu einer der schönsten und zugleich traurigsten Filme der letzten Jahre gelungen. Er gewann bei der Berlinale im Februar 2010 den Goldenen Bären. 

Türkei 2010, Regie: Semih Kaplanoglu, Darsteller: Boras Altas; Erdal Besikcioglu, ohne Altersbeschränkung, 108 min

12.1. "Kinshasa Symphony" 18.00/20.30

„Freude schöner Götterfunken“ in Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo. Die 200 Musiker des einzigen Sinfonie-Orchesters in Zentralafrika spielen Beethoven auf öffentlichen Plätzen der Millionenstadt. Als vor dem letzten Satz der Strom ausfällt, musizieren sie in völliger Dunkelheit trotzdem weiter. Schwierigkeiten wie diese sind sie gewohnt. Nur wenige Berufsmusiker befinden sich unter ihnen. Die meisten sind Amateure, die tagsüber hart für Hungerlöhne schuften und abends todmüde trotzdem jede Probe mitmachen. Und viele sind Autodidakten, die selbst gelernt haben, wie man deutsche Klassiker spielen muß. Die meisten Instrumente sind selbstgebaut. Ein Baumstamm ergibt den Rohstoff für ein Cello, das von einem Originalinstrument abgepaust und nachgebaut wird. Die Leidensfähigkeit und Zähigkeit der Musiker kennt keine Grenzen, ebenso wenig ihre Leidenschaft und Begeisterung, die Werke von Beethoven, Händel und Orff zu interpretieren und ihrem Publikum zu präsentieren. Was Kultur und Musik alles bewirken können, zeigt „Kinshasa Symphony“ in kaum zu steigernder Weise. Der Dokumentarfilm der beiden Regisseure Claus Wischmann und Martin Baer lief im Programm der letzten Berlinale. „Taumelnd vor Emotion und Freude habe ich den Saal verlassen“ beschrieb Volker Schlöndorff später seine Reaktion. Und wer Schlöndorff  und seine stille und zurückhaltende Natur kennt, der weiß, das will schon etwas heißen.

Deutschland 2010, Regie: Claus Wischmann und Martin Baer, Dokumentarfilm mit dem Orchestre Symphonique Kimbanguiste, ohne Altersbeschränkung, 95 min

19.1. "Banksy Exit through the Gift Shop" 18.00/20.30

Banksy ist ein Phantom. Der weltbekannte Straßenkünstler aus Bristol hinterlässt zwar überall auf dieser Welt seine Spuren in Form von Bildern und Skulpturen. Unvermittelt tauchen sie auf, in London und Los Angeles, in einem Disneyland-Park und an der Mauer zwischen Israel und dem Westjordanland. Aber vom Meister persönlich existiert kein Bild und auch sonst ist von ihm persönlich wenig bekannt. Kein Wunder, daß auch in seinem eigenen Film „Banksy – Exit through the Gift Shop“ sein Gesicht nur im Schatten und von einer Kapuze verhüllt erscheint. Möglich auch, daß der ganze Film nicht von ihm selbst stammt. Angeblich ist der Franzose Thierry Guetta der eigentliche Urheber. Guetta habe, von der Street-Art-Szene fasziniert, dieselbe unentwegt gefilmt und dabei schließlich auch Banksy vor die Kamera bekommen. Dieser wiederum, nicht faul, habe die Gelegenheit genutzt, sich das Material des Franzosen angeeignet und daraus selbst einen Film über sich zusammengestellt. Müßig, dieses Verwirrspiel aufklären zu wollen. Hauptsache, es liegt vor, das ultimative und subversive Doku-Feature über die künstlerische Rückeroberung des öffentlichen Raumes. Da diese Aktionen jedoch meistens nachts und außerdem heimlich über die Bühne gehen, sind die entstandenen Aufnahmen entsprechend unscharf, verwackelt und schlecht ausgeleuchtet. Macht aber nichts. Entscheidend sind der anarchistische Geist, der den Film durchzieht und der Humor und die Selbstironie, mit der die Street-Art-Szene sich selbst darstellt. „Ich finde, es ist ein guter Film – solange man sehr niedrige Erwartungen hat“, sagt der Meister persönlich über seinen Film. Schaun mer mal...

Großbritannien/USA 2010, Regie: Banksy, ab 6, 86 min

26.1. "Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben" 18.00/20.30

Auf einem Landgut im Nordosten Thailands lebt Boonmee. Er spürt, daß er bald sterben wird. Der Film begleitet den Mann in seinen letzten Lebenstagen. Boonmee ist nicht allein, bei ihm sind seine Schwester Jen aus Bangkok und ein junger Mann namens Tong. Abends setzt sich wie selbstverständlich die vor vielen Jahren gestorbene Frau Boonmees mit an den Tisch und der Sohn taucht als Affe auf. Der Film illustriert den Glauben des Regisseurs Apichatpong Weerasethakul an Wiedergeburt und Seelenwanderung. Wesen aus anderen Welten und Zeiten nehmen am Leben im Hier und Jetzt teil. Wie soll man sich „Uncle Boonmee“ annähern, wenn man sich weder mit der thailändischen Geisterkultur noch mit der Geschichte des Landes auskennt ? Einfach auf sich wirken lassen und den rotäugigen Affen als das nehmen, was er darstellen soll, nämlich den lange verschollenen Sohn des Protagonisten. Und ob Boonmee als Wasserbüffel wiederkehren wird oder dieses Leben bereits gelebt hat, muss auch jeder selbst für sich entscheiden. Dieser Film ist ein poetisches Kunstwerk, dem man nicht mit Logik begegnen sollte. „Uncle Boonmee“ ist aber auch ein politischer Film. Die Kommunisten-Verfolgung durch die thailändische Armee in früheren Jahren wird in diesem Lande gerne verdrängt. Boonmee jedoch, der als Soldat selbst an den Massakern beteiligt war, erinnert sich am Ende seines Lebens daran ganz genau. Das Werk des Regisseurs Weerasethakul stellt rigoros unsere europäischen Sehgewohnheiten auf den Kopf. Bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes gab es dafür die Goldene Palme.  

Thailand 2010, Regie: Apichatpong Weerasethakul, Darsteller: Thanapat Saisaymar, Jenjira Pongpas, Sakda Kaewbuadee, ohne Altersbeschränkung, 113 min