04.05.2011 "Poll" 17.45/20.30
Poll ist ein kleiner Ort an der estnischen Küste. Im Sommer 1914 gehört das heutige Estland wie das ganze übrige Baltikum zum russischen Zarenreich. Viele Deutschbalten leben hier, Nachfahren des Deutschen Ordens, der im Mittelalter dieses Land beherrscht hatte. Doch der unmittelbar bevorstehende Erste Weltkrieg wird hier alles verändern, die achthundert Jahre alte deutsch-baltische Geschichte geht blutig zuende. Dem Untergang geweiht ist auch der Gutshof der Familie von Siering, ein ins Meer hinein gebautes Stelzenhaus, das in den Naturgewalten so langsam vermodert. Auch in der Familie kriselt es und die vierzehnjährige Oda (Paula Beer), aus Deutschland zu Besuch, gerät da mitten hinein. Ihre Begegnung mit einem estnischen Anarchisten und Schriftsteller (Tambet Tuisk) macht die Angelegenheit nicht einfacher. Von der zaristischen Polizei gejagt, versteckt ihn Oda kurzerhand bei sich zuhause in der Dachkammer. Jedes Knarren der morschen Holzdielen kann das schlimmste bedeuten. Regisseur Chris Kraus („Vier Minuten“) verarbeitet in „Poll“ einen Teil seiner eigenen Familiengeschichte. Sein Film beruht auf dem Schicksal seiner Großtante Oda Schaefer. Die wurde wegen ihrer linksintellektuellen Gesinnung in der Familie totgeschwiegen. Die national bis nationalsozialistisch geprägte Verwandschaft betrachtete sie als schwarzes Schaf. Chris Kraus entreißt die Schriftstellerin Oda Schaefer dem Vergessen und bettet die Familiengeschichte ein in die große europäische Geschichte kurz vor dem Flächenbrand des Ersten Weltkrieges. In den Hauptrollen brillieren die Neuentdeckung Paula Beer und der estnische Schauspielstar Tambet Tuisk sowie Edgar Selge als Vater, wohl in der Rolle seines Lebens. Es hat sicher selten einen Film gegeben, der so voller Gegensätze steckt. Er ist poetisch und romantisch und gleichzeitig morbide und grausam, denn der Tod ist allgegenwärtig. „Poll“ ist Gruselfilm und Liebesgeschichte, Historiendrama, Thriller und zugleich ein hochästhetischer Kunstfilm. Kraus lässt eine längst vergangene Epoche authentisch wiederauferstehen, bildgewaltig und erstklassig besetzt - gemacht für die große Leinwand.
Deutschland/Österreich/Estland 2010, Regie: Chris Kraus, Darsteller: Paula Beer, Edgar Selge, Tambet Tuisk, ab 12, 139 min
11.05.2011 "127 Hours" 18.00/20.30
Als Einstimmung auf eine Kletter-Tour in den Alpen sollte man diesen Film besser nicht nehmen. Er beschreibt die Leiden des Aron Ralston im entlegenen Blue John Canyon in Utah im April 2003. Beim Bergsteigen wird Ralstons rechter Arm von einem Felsbrocken eingequetscht, er kann sich nicht mehr befreien. Er ist alleine unterwegs. Keiner weiß, wo er sich aufhält, keiner vermisst ihn, also ist Rettung von außen so gut wie unmöglich. Hunger, Durst und Kälte rauben ihm die Kräfte, von den Schmerzen zu schweigen. Fünf Tage geht das so, 127 Stunden. Sein Leben zieht an ihm vorüber, er nimmt mit seiner digitalen Videokamera Abschiedsbotschaften an Freunde und Familie auf, beginnt zu halluzinieren. Schließlich greift er zur letzten, drastischen Maßnahme. Er trennt sich mit seinem Taschenmesser selbst den Arm ab. Zwei Jahre später beschreibt er die Tortur in seinem Buch „Im Canyon – Fünf Tage und Nächte bis zur schwierigsten Entscheidung meines Lebens“. Der britische Regisseur Danny Boyle („Slumdog Millionaire“) macht daraus einen hochdramatischen Spielfilm. Ja, es ist, trotz der Ein-Mann- und Ein-Ort-Situation, ein Spielfilm geworden. Mit James Franco als Hauptdarsteller und einer ideenreichen bildlichen Umsetzung gelingt das fast Unmögliche: 93 Minuten schaut man gebannt hin.
Großbritannien/USA 2010, Regie: Danny Boyle, Darsteller: James Franco, Amber Tamblyn, Kate Mara, ab 12, 93 min
18.05.2011 "Tucker & Dale vs. Evil" 18.00/20.30
Splatter- und Horrorfilme gibt es bekanntlich in großer Zahl. Auch das Regal mit den Parodien auf dieses Genre ist mittlerweile reich bestückt, allerdings sind Meisterwerke hier dünn gesät. Mit „Tucker & Dale vs. Evil“ kommt jetzt endlich eines dazu. Das Regiedebüt des kanadischen Regisseurs Eli Craig hat das Zeug zum Kultfilm, da muss man wohl kein Prophet sein. Craig erreicht das durch einen ganz simplen, aber genialen Schachzug. Er dreht die Gut gegen Böse-Rollenverteilung ganz einfach um. Die beiden Waldläufer Tucker (Alan Tudyk) und Dale (Tyler Labine) sehen vielleicht etwas derbe und zurückgeblieben aus, bösartige Killer sind sie aber keinesfalls. Dass sie eine kleine Ansammlung an Kettensägen auf ihrem Pick-Up transportieren (zum harmlosen Holzeinschlag) macht sie aber höchst verdächtig für die Gruppe versnobter College-Studenten, der sie im Wald zufällig begegnen. Ein Kettensägen-Massaker droht, mindestens! Als die beiden rednecks später einem Mädchen aus der Gruppe bei einem Badeunfall das Leben retten und in ihre Hütte bringen, ist endgültig alles klar für die Jugendlichen: Allison (Katrina Bowden) muss aus den Fängen dieser perversen Mörder befreit werden! Tucker und Dale sind weit entfernt davon, dem Mädchen etwas anzutun, aber das kann die sich entwickelnde Katastrophe nicht aufhalten. Das Blut wird bald reichlich fließen, allerdings nur das der Studenten. Aberwitzige Unfälle in der für sie ungewohnten Wildnis dezimieren die Gruppe immer weiter. Bevor Tucker und Dale wissen, wie ihnen geschieht, waten sie bereits knietief im Blut… Bei der Mutter aller Horrorfilme „Die Nacht der lebenden Toten“ von 1968 ist die völlige Umkehrung von Gut und Böse bereits meisterhaft vorgeführt worden, damals allerdings absolut ernst gemeint und mit hochpolitischem Anspruch. Bei „Tucker & Dale“ wird das Ganze zur höchst originellen und unterhaltsamen Parodie – beim Fantasy-Filmfest 2010 mauserte sich der Film bereits zum Publikums-Favoriten.
Kanada 2010, Regie: Eli Craig, Darsteller: Alan Tudyk, Tyler Labine, Katrina Bowden, ab 16, 89 min
25.05.2011 "Another Year" 18.00/20.30
„Another Year“, der Titel sagt schon eine ganze Menge über diesen Film. Ein weiteres Jahr im Leben, mit all seinen Licht- und Schattenseiten, darum geht es im Grunde im neuen Werk des englischen Altmeisters Mike Leigh („Happy-Go-Lucky“). Der Geologe Tom und die Therapeutin Gerry (sie heißen wirklich so) sind seit Jahrzehnten glücklich verheiratet und genießen ein zufriedenes und erfülltes Leben, vor allem in ihrem Schrebergarten, den sie liebevoll pflegen und bebauen und im Herbst ernten, was sie im Frühling gesät haben. Manchen Verwandten und Bekannten der beiden geht es weniger gut. Einige sprechen deswegen kräftig dem Alkohol zu, wie Gerrys Kollegin Mary, die ihr Single-Dasein im Wein ertränkt oder Toms Jugendfreund Ken, der mit dem programmatischen Spruch auf seinem T-Shirt „Less thinking – more drinking“ sein Lebensmotto gefunden zu haben scheint. Doch Tom und Gerry helfen gerne in allen Lebenslagen und so wird ihr kleines Londoner Häuschen zur Zuflucht der Bedrängten und Bedrückten. Ansonsten kann von eigentlicher Handlung nicht wirklich die Rede sein in diesem Film und doch hält er den Zuschauer völlig gefangen. Mike Leigh präsentiert den Alltag so wie er ist, mit all seinen Dramen und seinen Glücksmomenten, er sieht dem Leben quasi bei der Arbeit zu und das mit einem großartigen Schauspieler-Ensemble, dem man genau anmerkt, dass die Darsteller, typisch bei Leigh, immer auch an der Ausgestaltung des Drehbuchs intensiv mitwirken. Leigh zeigt mit meisterlicher Beobachtungsgabe das Leben, das wir täglich um uns haben, in einem neuen, klareren und dazu tröstlichen Licht. Der Film strahlt eine menschliche Wärme aus, von der man noch lange zehrt, nachdem man das Kino verlassen hat. Als Anleitung zum Glücklichsein wurde „Another Year“ von Kritikerseite bereits mehrfach bezeichnet – gegenteilige Meinungen fanden sich nicht.
Großbritannien 2010, Regie: Mike Leigh, Darsteller: Jim Broadbent, Ruth Sheen, Lesley Manville, ohne Altersbeschränkung, 129 min