01.06.2011 "Wer, wenn nicht wir" 18.00/20.30

Der Regisseur Andreas Veiel hat
sich bereits in seiner Dokumentation „Black Box BRD“ mit der Geschichte der Roten
Armee Fraktion beschäftigt. In seinem ersten Spielfilm „Wer, wenn nicht wir“
greift er das Thema noch einmal auf. Diesesmal erzählt er die Vorgeschichte der
Baader-Meinhof-Gruppe und zwar am Beispiel der persönlichen Schicksale Gudrun
Ensslins und deren Freund Bernward Vesper. Vesper blieb eine Randfigur der
RAF-Geschichte, weil er sich dem bewaffneten Kampf im Untergrund verweigerte.
Als Ensslin für sich beschließt, genau diesen Kampf gegen den Staat
aufzunehmen, trennen sich ihre Wege. Veiel geht der Frage nach, was die beiden
zu ihren gegensätzlichen Entscheidungen gebracht hat. Des weiteren greift er einen
eklatanten Widerspruch auf, der stellvertretend für viele 68-er steht, das
Aufbegehren der Söhne und Töchter gegen die Verstrickung der Elterngeneration
in die Verbrechen des Nationalsozialismus, wobei die eigenen Eltern häufig von
den Vorwürfen ausgenommen blieben. Da wollte mancher es dann nicht mehr so
genau wissen, auch Vesper nicht, dessen Vater Will als völkischer Dichter es
während des Dritten Reiches zu einigem Ansehen gebracht hatte. Ganz anders
Gudrun Ensslin, die radikal mit ihrem Vater brach. Der war zwar Pastor in der
Bekennenden Kirche gewesen, aber dennoch in den Krieg gezogen und das fand sie
verwerflicher, als wenn er ein überzeugter Nazi gewesen wäre. Regisseur Veiel
entwirft ein überzeugendes Psychogramm zweier orientierungsloser und labiler
Menschen, die am Ende tragisch scheitern – und gleichzeitig eine extrem
ausgelebte Liebesgeschichte, bedingungslos, maßlos, bis über die Schmerzgrenze
hinaus. Veiel gelang es, mit Lena Lauzemis und August Diehl zwei eindrucksvolle
Darsteller zu verpflichten, die ihre Figuren in all ihren Widersprüchen anschaulich
verkörpern. Gerd Koenen,  auf dessen Buch
„Vesper, Ensslin, Baader – Urszenen des deutschen Terrorismus“ der Film
basiert, kann sich zufrieden zurücklehnen.  

Deutschland 2011, Regie: Andreas
Veiel, Darsteller: Lena Lauzemis, August Diehl, Alexander Fehling, ab 12,
124 min

08.06.2011 "I Killed My Mother" 18.00/20.30

Um es gleich vorwegzunehmen:
In diesem Film wird niemand in die ewigen Jagdgründe geschickt, schon gar keine
Mutter. Konflikte allerdings gibt es reichlich, insbesondere den bereits im
Filmtitel angedeuteten Mutter-Sohn-Konflikt. Hubert (Xavier Dolan), 17 Jahre
jung, hat sich mit seiner, jetzt alleinerziehenden, Mutter (Anne Dorval) einmal
sehr gut verstanden. Dass sich das radikal änderte, liegt vielleicht in der
Natur der Sache bzw. der Pubertät. Möglicherweise auch daran, dass Hubert
schwul ist und dieses Thema im Film weiträumig umfahren wird. Oder es sind jede
Menge Angewohnheiten im Alltag, die ihn früher nicht störten, ihm jetzt aber
umso mehr auf die Nerven gehen. Das ganze spitzt sich derartig zu, dass seine
Mutter die heimische Hölle nicht mehr erträgt und Hubert ins Internat schickt.
Wer Wutausbrüche auf der Leinwand liebt, wird hier bestens bedient.
Glücklicherweise bleibt der Film dabei aber nicht stehen. Spielerisch und
gleichzeitig abgeklärt wird der Blick auf die häuslichen Verhältnisse geworfen.
Dies ist umso erstaunlicher, als der Hauptdarsteller Xavier Dolan auch Regisseur
und Autor ist. Ein echtes kanadisches Wunderkind: Mit siebzehn schrieb er das
Drehbuch, mit neunzehn machte er den Film und räumte in Cannes mehrere Preise
ab. Und die autobiographische Beschäftigung mit dem Erwachsenwerden bot ihm
gleichzeitig die Möglichkeit, sein hasserfülltes Verhältnis zu seiner Mutter
mit den Mitteln der Filmkunst produktiv zu verarbeiten. Ein Muss für alle
Mütter, Söhne und Töchter im Clinch.   

Kanada 2009, Regie: Xavier Dolan,
Darsteller: Anne Dorval, Xavier Dolan, Francois Arnaud, ab 12, 100 min

15.06.2011 "Das Lied in mir " 18.00/20.30

Die junge Deutsche Maria (Jessica
Schwarz) hört auf einem Zwischenstopp auf dem Flughafen in Buenos Aires ein
spanisches Kinderlied – und kann es auf einmal mitsingen. Dabei versteht sie
kein Wort Spanisch. Erschüttert fragt sie sich, wo da die Verbindung sein kann,
es muss ja eine geben. Sie bleibt in der Stadt und begibt sich auf die Suche,
ja, nach was eigentlich? Als plötzlich ihr Vater Anton (Michael Gwisdek) vor
ihrem Hotel steht, klärt sich alles auf. Anton ist nur ihr Adoptivvater. Ihre
leiblichen Eltern verschwanden als Opfer der argentinischen Militärdiktatur auf
Nimmerwiedersehen. Anton und seine Frau adoptierten das Kind und nahmen es mit
nach Deutschland. Maria will nun alles ganz genau wissen und macht sich unter Mithilfe
des Polizisten Alejandro (Rafael Ferro) auf die Suche nach ihren Wurzeln. Anton
wiederum will Maria nicht verlieren. Der entthronte Vater kämpft bis zuletzt um
die Liebe seines Kindes, die entwurzelte Tochter bis zuletzt um die Wahrheit
ihrer Identität. Dem Regisseur Florian Cossen ist mit seinem Spielfilm-Debüt
ein furioses Selbstfindungsdrama gelungen. Die ausgezeichneten Schauspieler tun
ein übriges und tauchen ein in den Schmelztiegel Buenos Aires. Die Stadt wird
quasi zu einem weiteren Akteur und erweist sich als ideale Bühne für eine
Parabel um die Schatten der argentinischen Geschichte.

Deutschland/Argentinien 2010,
Regie: Florian Cossen, Darsteller: Jessica Schwarz, Michael Gwisdek, Raffael
Ferro, ab 12, 94 min

22.06.2011 "Almanya - Wilkommen in Deutschland" 18.00/20.30

Der sechsjährige Cenk Yilmaz weiß
nicht so recht, ob er nun Deutscher oder Türke ist. Beim Fußball wollen ihn
weder seine deutschen noch seine türkischen Mitschüler in ihre Mannschaft
wählen. Den Großeltern Hüseyin und Fatima geht es ähnlich. Beide bekommen die
deutsche Staatsbürgerschaft und die Familie trifft sich, um dies gebührend zu
feiern. Gleichzeitig hat Hüseyin in seinem anatolischen Heimatdorf ein Haus
gekauft und alle sollen in den Sommerferien in die Türkei kommen, um es zu
renovieren. Wie unter einem Brennglas zeigt sich in diesen Szenen des Films
„Almanya“ die Zerrissenheit einer türkischstämmigen Familie, die seit
Jahrzehnten in Deutschland lebt. „Almanya“ ist der erste Kinofilm der
Schwestern Yasemin und Nesrin Samdereli, die für die Fernsehserie „Türkisch für
Anfänger“ bereits einige Drehbücher geschrieben haben. Interessant an dieser
Migrationskomödie ist besonders die, aus deutscher Sicht, Umdrehung der
Klischees. Thema sind hier vor allem die Vorurteile der Türken gegenüber den
Deutschen. Fatima jedenfalls graust es vor der angeblichen Unsauberkeit in
Almanya und vor dem Essen – nichts als Kartoffeln den ganzen Tag! Die
Samderelis drehen den Spieß also komplett herum und das auf originelle und komische
Weise – eine gelungene Migrationshintergrundkomödie.

Deutschland 2010, Regie: Nesrin und Yasemin Samdereli, Darsteller: Vedat
Erincin, Fahri Ogün Yardim, Lilay Huser, ab 6, 101 min

29.06.2011 "Biutiful" 17:45/20.30

Uxbal (Javier Bardem) ist
Kleinganove in Barcelona, da wo die Stadt am düstersten ist und Touristen sich
nicht hinverirren. Er macht Geschäfte mit asiatischen Menschenhändlern, die
ihre Landsleute für sich arbeiten lassen und mit der Polizei, damit die nicht
so genau hinguckt. Das macht ihn nicht sympathisch. Aber Uxbal hat auch noch
eine ganz andere Seite. Geradezu hingebungsvoll kümmert er sich um seine Kinder
Ana (Hanaa Bouchaib) und Mateo (Eduard Fernandez). Selbst in Momenten größter
Verzweiflung vergisst er nie, den beiden ein guter Vater zu sein. Von ihrer
Mutter Marambra (Maricel Alvarez), psychisch labil und alkoholsüchtig,  hat er sich getrennt, um die Kinder vor ihr
zu schützen. Da erfährt Uxbal, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist. Er
versucht, sein Leben zu ordnen und alles für die Zeit  nach seinem Tode vorzubereiten. Er
unterstützt die asiatischen Sklavenarbeiter in ihren feuchten Kellerverliesen
und bemüht sich um eine Versöhnung mit seiner Frau. Der Film weitet sich an
dieser Stelle zu einem Drama über Schuld und Sühne geradezu biblischen
Ausmaßes. Der mexikanische Regisseur Alejandro Gonzalez Inarritu („Babel“) hat
einen düsteren Film gedreht. Unsentimental und so lakonisch wie möglich
erzählt, entfaltet er seine ganze Kraft. „Biutiful“ gehörte zu den fünf
Kandidaten für den letzten Auslands-Oscar. Er hat ihn nicht bekommen, jedoch
verdient gehabt. Und Javier Bardem („No Country for Old Men“) beweist erneut,
was für ein großartiger Schauspieler er ist.

Spanien/Mexiko  2010, Regie: Alejandro Gonzalez Inarritu, Darsteller:
Javier Bardem, Maricel Alvarez, Cheng Tai Shen, ab 16, 147 min