Kommunales Kino Bremerhaven > Filmarchiv > 2011 > Koki Filmprogramm 04.2011

06.07.2011 In einer besseren Welt 18.00/20.30

An der recht eigenwilligen deutschen Betitelung ausländischer Filme kann man sich
ja so manches Mal die Haare raufen und so ist es in diesem Falle auch. „In
einer besseren Welt“ heißt im dänischen Original „Haevnen“ (Rache) und dieser
Titel passt viel besser auf das, was man hier zu sehen bekommt. Hauptfigur
Anton (Mikael Persbrandt) rettet als Arzt 
in einem afrikanischen Flüchtlingslager aufopferungsvoll so viele
Menschenleben wie er nur kann. Kurioserweise funktioniert seine idealistische,
streng pazifistische Haltung auf dem Schwarzen Kontinent, aber nicht in seinem
familiären Alltag in der vordergründig so idyllischen dänischen Provinz. Dort
wird sein Sohn Elias regelmäßig von einer Horde Schulkameraden beschimpft,
geschlagen, gedemütigt. Erst als Elias‘ neuer Freund Christian den Anführer
zusammenschlägt und mit einem Messer bedroht, ist Ruhe. Da kommt es bei den
beiden Jungen nicht gut an, dass Anton sich bei einer Auseinandersetzung mit
einem provozierenden Schlägertypen nicht zur Wehr setzt. Sie halten das für
Feigheit, er für Klugheit. Im zweiten, dem afrikanischen Erzählstrang, steht
Anton auf einmal vor der Entscheidung, einen sadistischen Warlord, dem das Blut
seiner Opfer sozusagen von den Händen tropft, zu behandeln oder sterben zu
lassen. Die Regisseurin Susanne Bier verknüpft in ihrem Oscar-gekrönten Film
geschickt diverse Formen der Gewalterfahrung miteinander – und vor allem die
unterschiedlichen Möglichkeiten, ihnen zu begegnen. Kann es  einem gelingen, mit bedingungsloser
Gewaltlosigkeit durchs Leben zu gehen und wenn ja, lädt man nicht gerade dann
mit seinem Verhalten Schuld auf sich? Susanne Bier scheut konsequent die einfachen
Antworten. Lösungen muss jeder Zuschauer für sich selbst herausfinden. Oder
sich vielleicht eingestehen, dass es manchmal keine gibt.

Dänemark
2010, Regie: Susanne Bier, Mikael Persbrandt, Trine Dyrholm, Ulrich Thomsen, ab
12, 113 min

13.07.2011 Winter’s Bone 18.00/20.30

Auch das ist Amerika: Ozark Mountains, eine düstere Einöde im südlichen Missouri, in
der sich das US-Prekariat mit der Droge Crystal Meth und Country-Musik durchs
trost- und hoffnungslose Leben kämpft. Die 17-jährige Ree Dolly (Jennifer
Lawrence) muss sich als Älteste um ihre jüngeren Geschwister und ihre psychisch kranke Mutter
kümmern. Vater Jessup, ein auf Kaution freigelassener Drogenkrimineller, hat
sich aus dem Staub gemacht und ist zum angesetzten Gerichtstermin nicht mehr
erschienen. Als Sicherheit für seine Freilassung hatte er das Haus der Familie
verpfändet. Sieben Tage hat Ree nun Zeit ihn aufzuspüren, sonst droht sofortige
Obdachlosigkeit. Doch helfen will ihr keiner, im Gegenteil. Sie stößt auf ein
schier undurchdringliches Gestrüpp an Lügen, Ausflüchten und Bedrohungen.
Körperliche und strukturelle Gewalt grundieren diesen außerordentlichen Film,
der in unaufdringlicher Manier die Gattungen Horror und Western, Drama und
Krimi verbindet. Die Regisseurin Debra Granik hat eine düstere Parabel
geschaffen, in der jeder Mensch dem anderen erst einmal ein Feind ist. Zur
filmischen Adaption des gleichnamigen Romans von Daniel Woodrell unternahmen
Granik und Woodrell gemeinsame Erkundungstouren durch das südliche Missouri.
Das Eintauchen in diesen Landstrich in
the middle of nowhere
hat ein im Herzen der Finsternis angesiedeltes
Independent-Wunderwerk hervorgebracht. Beim Sundance-Filmfestival 2010 gewann
„Winter’s Bone“ den Großen Preis der Jury. Ein amerikanischer Alptraum auf
inhaltlich höchstem Niveau, der den Zuschauer weit über Abspann hinaus bewegt.

USA 2010, Regie: Debra Granik, Darsteller: Jennifer Lawrence, John
Hawks, Dale Dickey, ab 12; 100 min

20.07.2011 Der Name der Leute 18.00/20.30

Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich an (sagt zumindest der Psychologe) und dieser Film
liefert hierfür einen weiteren Beweis. Die junge Bahia (Sara Forestier) und der
bereits etwas zerknautschte Arthur (Jacques Gamblin) könnten kaum
unterschiedlicher sein. Er ist Franzose mit jüdischem Familienhintergrund,
außerdem zurückhaltend, unauffällig und mit geordnetem Alltag, sie algerischer
Abstammung sowie lebenslustig, frech und unkonventionell. Darüber hinaus frönt
Bahia einem eher unkonventionellen Hobby. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht,
mit politischen Gegnern zu schlafen, um ihnen beim Sex hypnotische Belehrungen
und Bekehrungen ins Ohr zu flüstern. Angeblich eine wirksame Methode, um ihre
Opfer weltanschaulich umzudrehen. Nur bei Arthur funktioniert dieser Trick
nicht, er ist auch gar nicht nötig, da der äußerlich so konservative sich als
Anhänger des früheren sozialistischen Parteichefs Lionel Jospin entpuppt. Ganz
allgemein strotzt diese französische Komödie nur so vor politischen
Unkorrektheiten. Alle werden aufs Korn genommen, Juden und Araber, Hippies und
Spießer, Technik-Freaks und Atomkraft-Allergiker usw. usw. Auch auf der
optischen Ebene geht es munter zur Sache. Mal Farbe, mal Schwarz-Weiß, dann
wieder Super-Acht und digitales HD. Regisseur Michel Leclerc und seine
Co-Autorin Baya Kasmi, auch privat ein Paar, haben eine Menge autobiographischer
Motive in den Film einfließen lassen. Das ist sicher ein Grund dafür, warum sie
so gekonnt die Balance halten zwischen ihren running gags, den genialen
Bildwitzen und den im Grunde ernsten Themen, die diese wilde Achterbahnfahrt zusammenhalten. 

Frankreich
2010, Regie: Michel Leclerc, Darsteller: Sara Forestier, Jacques Gamblin,
Carole Franck, ab 12, 103 min

27.07.2011 Four Lions 18.00/20.30

Kann man über islamistische Selbstmord-Attentäter einen satirischen Film drehen? Der
britische Regisseur Christopher Morris zeigt in seinem Spielfilm-Debüt, wie man
das fertigbringt. Morris ist im britischen Fernsehen kein Unbekannter und dort
für seinen kompromisslosen Witz gefürchtet. So auch hier. Bereits der Prolog
des Films macht klar, dass es sich bei den „Four Lions“ um regelrechte
Dschihadisten-Amateure handelt. Die Chaotentruppe um ihren Anführer Omar ist
zwar von der Idee des Heiligen Krieges fasziniert, scheitert jedoch bei der
Vorbereitung eines Sprengstoff-Anschlages bereits an den alltäglichsten
Banalitäten. Omar, der ängstliche Bombenbastler Faisal, der Dschihad-Rapper
Hassan sowie der militante Konvertit Barry wollen zuerst eine Moschee
angreifen, entscheiden sich dann jedoch dafür, den London-Marathon ins Visier
zu nehmen. Während der Fahrt dorthin haben sie nichts Besseres zu tun, als im
Auto „Dancing in the Moonlight“ mitzusingen… Mit seinen grotesk überzeichneten
Figuren und einer wahnwitzigen Situationskomik gelingt es Morris, dem Schrecken
des Bombenterrors den Satirespiegel vorzuhalten. Er demaskiert die perverse
Idee des „Heiligen Krieges“ als krankhaft-lächerlich und kann mit dieser
filmischen Herangehensweise vielleicht sogar mehr erreichen als ein bedächtiges
Doku-Drama. Trotzdem schien es lange nicht klar, ob „Four Lions“ den Sprung in
die deutschen Kinos schaffen würde. Vielen Verleihern war das Thema zu heikel
und aus den Reihen der Politik kam die Warnung, man möge doch angesichts der
aktuellen Terrorgefahr kein Öl ins Feuer gießen. Aber zum Glück bekommt Morris’
pechschwarze Komödie jetzt doch ihre Chance.

Großbritannien
2010, Regie: Christopher Morris, Darsteller: Riz Ahmed, Adeel Akhtar, Arsher
Ali, Nigel Lindsay, ab 16, 101 min

03.08.2011 Alles, was wir geben mussten 18.00/20.30

Dieser Film spielt in den
1970er und -80er Jahren und ist doch ein Science-Fiction-Film. Und das geht so:
Vorgestellt wird das leicht versnobte Internat in Hailsham im ländlichen
England. Auf den ersten Blick alles ganz normal und doch stimmt etwas nicht mit
dieser Schule, nicht allein deswegen, weil die Lehrer nicht Lehrer, sondern
Aufseher heißen. Es ist im tiefsten Innern auch gar keine Schule, sondern eine
Anstalt zur Aufzucht menschlicher Klone. Die „Schüler“ sollen im
Erwachsenenalter als eine Art Ersatzteillager dienen, die ihre Organe spenden
und spätestens nach der dritten Transplantation ihr kurzes Leben
„komplettieren“. So wird der Tod in der verbrämten Sprache dieser schönen, neuen
Welt genannt. Auch dem jungen Trio Kathy (Carey Mulligan), Tommy (Andrew
Garfield) und Ruth (Keira Knightley) ist dieses Schicksal zugedacht. Sie
erfahren erst im Laufe der Jahre von ihrer wahren „Bestimmung“ und später von
einer Möglichkeit, dem Ganzen zu entkommen. Man muss sich verlieben, dann gilt
die „Komplettierung“ nicht. Oder ist diese Fluchtmöglichkeit nur ein
Hirngespinst ? Regisseur Mark Romanek hat den Roman „Never let me go“ von Kazuo
Ishiguro kongenial in Bilder umgesetzt, auch der englische Originaltitel heißt
so. Der Film vereint in sich eine melancholische Liebesgeschichte und ein
hintergründiges Gesellschaftsdrama. Er ist ein Appell an Mitmenschlichkeit in
Zeiten der Grausamkeit. Vielleicht kann man ihn als unendlich sanften und
zärtlichen Horrorfilm bezeichnen. Auf jeden Fall aber als großes und bewegendes
Kino.

Großbritannien/USA 2010,
Regie: Mark Romanek, Darsteller: Charlotte Rampling, Keira Knightley, Sally
Hawkins, ab 12, 103 min