Kommunales Kino Bremerhaven > Filmarchiv > 2011 > Koki Filmprogramm 09.2011

07.09.2011 Beginners 18.00/20.30

Der Regisseur Mike Mills erzählt in „Beginners“ zwei Geschichten, eine in
Rückblenden und eine nach vorn: Der Tod seines 80-jährigen Vaters Hal
(Christopher Plummer) wirft den Grafiker und Künstler Oliver (Ewan McGregor) völlig
aus der Bahn. Neuen Lebensmut fasst der verschlossene junge Mann, als er Monate
später die eigenwillige und temperamentvolle Anna (Melanie Laurent)
kennenlernt. Gleichzeitig erinnert er sich an die letzten Jahre mit seinem
Vater. Der damals 75-jährige hatte nach dem Tod 
seiner Frau sein Coming-Out und stürzte sich in das wilde, bunte,
„andere“ Leben. Er erlebte die Schwerelosigkeit des Glücks. Vater und Sohn
kamen sich in dieser Zeit näher als jemals zuvor. Regisseur Mills verschränkt
diese beiden Geschichten mit einer Leichtigkeit, die im Kino nicht häufig
anzutreffen ist. Mit viel Feingefühl, Humor und sehr glaubhaften Darstellern
erzählt er in diesem stark autobiographisch gefärbten Film über das Leben, die
Liebe und die Angst vor den eigenen Gefühlen. „Als meine Mutter starb, wurde
mein Vater zu einem anderen Menschen. Seine Lust auf ein neues Leben war
irritierend, aber auch komisch und inspirierend. Irgendwann explodierte in mir
dieses Gefühl, wie verdammt schnell alles vorbei ist und was es noch alles zu
entdecken gibt. Unsere Zeit ist kurz. Man muss sie nutzen, solange es geht.“

USA
2010, Regie: Mike Mills, Darsteller: Ewan McGregor, Christopher Plummer,
Melanie Laurent, ohne Altersbeschränkung, 104 min

14.09.2011 Mr. Nice 18.00/20.30

Kann bzw. darf man einen international operierenden Drogenhändler mögen und sei es
nur im Film? Wenn er Howard Marks heißt und den Spitznamen „Mr. Nice“ trägt,
dann schon. Marks war in den siebziger Jahren der erfolgreichste britische
Drogendealer und schrieb seine Lebensgeschichte später in seiner Autobiographie


„Mr. Nice“ nieder. Der Regisseur Bernard Rose hat diese verfilmt und erzählt seine
Geschichte konsequenterweise vollständig aus der Perspektive des Verbrechers; er
macht von Anfang gar kein Geheimnis daraus. Und sympathisch ist er, der junge
Oxford-Student Howard, der noch schnell seinen Abschluss in Atomphysik ablegt
und sich dann unverzüglich seiner eigentlichen Berufung zuwendet, der „Einfuhr bewusstseinserweiternder Kräuter“, wie er es gerne nennt. Nicht jeder Zöllner
und Polizist weiß das zu schätzen und so gerät „Mr. Nice“ recht bald auf die
Liste der meistgesuchten Kriminellen des Königreichs. Zehn Prozent des
weltweiten Haschisch-Handels gehen zeitweise auf sein Konto. Zum geschäftlichen
Erfolg trägt die Hilfe eines abgedrehten IRA-Anführers bei und  seine weitere Tätigkeit als MI 6 – Agent
sorgt bei der internationalen Drogenpolizei für echten Verdruss. Dass alles im
Leben seine Zeit hat, gilt aber natürlich auch für Marks und aus den langen
Armen Justitias kann er sich irgendwann nicht mehr herauswinden. Reue zeigt
„Mr. Nice“ allerdings keine und das gilt bis heute. Auf dem letztjährigen
Oldenburger Filmfest stellte Howard Marks den Film persönlich vor und da die
Premieren-Party in einer ehemaligen Polizeiwache stattfand, konnte er seinen
Joint tatsächlich einmal in einer Haftzelle rauchen.


Großbritannien 2010, Regie: Bernard Rose; Darsteller: Rhys Ifans, Chloe
Sevigny, ab 12, 120 min

21.09.2011 The Tree of Life 17.45 /20.30

Jack (Sean Penn) ist erfolgreicher Architekt und steht mitten im Leben.
Doch immer wieder erinnert er sich an seine Kindheit in den sechziger
Jahren, die nicht die schönste war. Unchronologisch und
bruchstückhaft kommt alles wieder hoch, vor allem das Verhältnis zu
seinem Vater (Brad Pitt). Mit Strenge will der seine drei Jungs zu
erfolgreichen Männern erziehen, glaubt, sie mit harter Hand auf das
Leben vorbereiten zu müssen. Ganz anders die Mutter (Jessica
Chastain),  die ihre Söhne mit Liebe umhüllt und ihnen verzeiht,
wenn sie Dummheiten begehen. Als Krankheit, Leid und Tod in das
Familienleben einbrechen, verdüstert sich die Kinderwelt weiter.
Auch der  erwachsene Jack bleibt letztlich eine verlorene Seele  auf
der Suche nach dem Sinn des Lebens und seinem Platz darin. Regisseur
Terrence Malick hat für seine Reflektion dieses amerikanischen
Alltags eine ganz eigene Form gefunden. Immer wieder schneidet er
gewaltige Naturbilder in die Handlung, feiert die Schönheit der Erde
und des Alls. Malicks Filme waren immer von geradezu biblischer Wucht
und „The Tree of Life“ ist die logische Konsequenz aller seiner
Vorgänger. Dieser Film kennt kein Maß. Er will alles auf einmal,
eine Familien- und gleichzeitig die Schöpfungsgeschichte erzählen,
das Werden und das Vergehen der Natur und des Menschen darstellen.
Malicks Epos gleicht einem Zwiegespräch mit Gott, einem Gott, der
das Schönste erschaffen kann und das Böseste zulässt. Ist das
Größenwahn? Auf jeden Fall ist es im höchsten Maße faszinierend.
Beeindruckt war auch die Jury in Cannes, die dem Film die diesjährige
Goldene Palme verlieh.

USA
2011, Regie: Terrence Malick, Darsteller: Brad Pitt, Sean Penn,
Jessica Chastain, ab 12, 138 min

 

28.09.2011 Die Frau, die singt 18.00/2030

Der Film beginnt familiär-unspektakulär. Den Zwillingen Jeanne (Melissa Desormeaux-Poulin)
und Simon (Maxim Gaudette) wird nach dem Tod ihrer Mutter Nawal (Lubna Azabal)
deren Testament eröffnet. Dieses Dokument hat es allerdings in sich. Sie sollen
ihren totgeglaubten Vater finden und ihren Bruder, von dessen Existenz sie
bislang überhaupt nichts wussten. Der Auftrag führt die beiden in den Libanon,
von wo die Familie einst nach Kanada ausgewandert war. Dabei enthüllt der Film
nach und nach eine Wahrheit, die so unglaublich ist, dass er die Spannung über
130 Minuten mühelos hält. Den politischen Hintergrund bildet der libanesische
Bürgerkrieg, der in einer Spirale sinnloser gegenseitiger Gewalt endete.  Kaum zu glauben, dass in dieser Situation die
Kraft zur Versöhnung überleben konnte. Aber der kanadische Regisseur Denis
Villeneuve beschwört in „Die Frau, die singt“ genau dieses Wunder und
destilliert aus der schonungslosen Gewalt die Hoffnung auf einen friedlichen
Neuanfang. Ganz bewusst siedelt Villeneuve die Handlung nicht ausdrücklich im
Libanon an. Er verankert sie in einem nicht genannten Land und benutzt fiktive
Städtenamen, obwohl das reale Vorbild deutlich erkennbar ist. Ein Symbol dafür,
dass sich diese Geschichte überall auf der Welt zutragen könnte. „Die Frau, die
singt“ ist Familienchronik und Zeitportrait gleichermaßen, ein packendes Drama,
dass niemanden kalt lassen dürfte. Ein Ausnahmefilm.

Kanada 2010, Regie: Denis Villeneuve, Darsteller: Lubna Azabal, Melissa
Desormeaux-Poulin, Maxim Gaudette, ab 12, 130 min