Kommunales Kino Bremerhaven > Filmarchiv > 2011 > Koki Filmprogramm 10.2011

05.10.2011 Geständnisse 18.00/20.30

Alles fängt ganz harmlos an. Die junge Lehrerin Juko Moriguchi (Takako
Matsu) erzählt ihrer Klasse scheinbar belanglose
Nebensächlichkeiten, z.B. über die Milch, die sie gerade alle
trinken. Natürlich hört niemand so richtig zu, im Gegenteil, es
wird geredet und geschrien, SMS verschickt usw. Still wird es in der
Klasse, als Juko über den Tod ihrer kleinen Tochter berichtet und
die berühmte Stecknadel hört man fallen, als herauskommt, dass das
Kind von zwei Schülern der Klasse ermordet worden ist. Für
strafrechtliche Verfolgung sind die beiden noch zu jung, aber die
Lehrerin will sie wenigstens ausfindig machen und sie zwingen, sich
mit ihrer Tat auseinanderzusetzen. „Geständnisse“ handelt davon,
wie grausam Menschen zueinander sein können, wie sie einander,
vielleicht manchmal gar aus Gedankenlosigkeit und Langeweile, sogar
umzubringen bereit sind. Diese Handlung wird ganz enorm intensiviert
durch die Art der Montage, in der dieser Film geschnitten ist. Er
zerlegt sich quasi in viele kleine Bruchstücke und splittert sich
vor dem Auge des Betrachters immer weiter auf. Die schnellen Schnitte
und Blickwechsel verschärft Regisseur Takaschima so sehr, bis sich
stellenweise Bild und Ton voneinander lösen. Letztlich bekommt man
den Eindruck, man sehe ein großes Bild in den verschiedenen Scherben
eines zerberstenden Spiegels auftauchen. Diese faszinierende
Aufnahmetechnik darf nicht darüber hinwegtäuschen, was man hier zu
sehen bekommt: Es sind menschliche Abgründe und Takaschima lässt
seine Figuren richtig leiden, solange bis es wirklich wehtut.

Japan
2010, Regie: Tetsuja Nakaschima, Darsteller: Takako Matsu, Joschino
Kimura, Jukito Nischii, ab 16, 106 min

12.10.2011 Verrückt nach Paris 18.00/20.30

Im Rahmen der Woche der seelischen Gesundheit präsentieren
wir erneut den Film „Verrückt nach Paris“, auf der Berlinale
2002 umjubelt und bei Kino im Hafen 2003 von den Zuschauern mit
stehenden Ovationen gefeiert. Es ist ein Film über Behinderte, in
dem die Betroffenen ausnahmsweise mal die Hauptrollen spielen. An
prominenten Schauspielern mangelt es zwar in keiner Weise. Dominique
Horwitz, Martin Lüttge, Corinna Harfouch standen vor der Kamera, um
nur einige zu nennen. Im Film haben sie aber wenig zu melden. Das
Heft in der Hand haben drei Bewohner eines Bremer Behindertenheims,
die eines guten Tages von ihrem Alltag die Nase voll haben und
kurzerhand über Köln nach Paris abdampfen. Was sie auf der Reise
erleben und wie sie mit dieser herausfordernden Situation fertig
werden, das ist witzig und großartig zugleich. Die Regisseure und
Drehbuchautoren Eike Besuden und Pago Balke begleiten schon seit
Jahren das Bremer Blaumeier-Projekt, in dem Behinderte Theater
spielen. „Verrückt nach Paris“ ist die logische filmische
Fortsetzung dieser Arbeit. Drei „Blaumeier“ spielen die
Hauptrollen und wirken wunderbar in diesem Film. Man merkt ihnen ihre
Theater-Erfahrung deutlich an und ihre Vertrautheit mit den beiden
Regisseuren trägt sicher auch dazu, das Trio zu Höchstleistungen
anzutreiben.

Deutschland
2002, Regie: Eike Besuden und Pago Balke, Darsteller: Frank Grabski,
Paula Kleine, Wolfgang Göttsch, 90 min

19.10.2011 Naokos Lächeln 18.00 /20.30

Tokio in den späten 1960er Jahren. Auch in Japan bricht sich ein neues
Lebensgefühl Bahn, angesiedelt zwischen Studentenrevolte, Beatles
und Hippiekultur. Währenddessen streift der 20-jährige Toru mit
seiner wiedergefundenen Jugendliebe Naoko durch die unruhige Stadt.
Beide verbindet eine tiefe Seelenverwandschaft, außerdem jedoch auch
eine traumatische Erfahrung. Ihr gemeinsamer Freund Kizuki hat sich
das Leben genommen. Da lernt Toru die selbstbewusste Midori kennen,
die mit ihrer lebensfrohen und temperamentvollen Art so ganz anders
als Naoko ist. Er muss sich entscheiden, auf welcher Seite sein Herz
wirklich schlägt. „Naokos Lächeln“ ist die kongeniale
Verfilmung des Kultromans von Haruki Murakami. Fast meditativ lässt
Regisseur Tran Anh Hung die Kamera um seine Protagonisten
herumschweben. Karge Innenräume gehen traumhaft fließend über in
idyllische Landschaften. Der Soundtrack mit Stücken des
Radiohead-Mitglieds Jonny Greenwood und der Kölner „Krautrockband“
Can trägt das seine dazu bei. Und, überaus glaubwürdig, die
30-jährige Rinku Kikuchi als mädchenhafte und introvertierte Naoko.
Dem vietnamesischen Filmemacher ist eine romantische und zugleich
schmerzvolle Ballade über den Aufruhr der Gefühle gelungen. Ein
Stück faszinierende Kino-Poesie.

Japan
2010, Regie: Tran Anh Hung , Darsteller: Kenichi Matsujama, Rinko
Kikuchi, Tetsuji Tamajama, ab 12, 110 min

26.10.2011 Toast 18.00/2030

Es muss außer gebuttertem Toast und gebackenen Bohnen noch etwas
anderes geben, auch im England der 60-er Jahre. Der junge Nigel erfährt das
allerdings erst nach dem Tode seiner Mutter, die ihre Familie zwar
liebevoll umsorgt hat, aber in einem die absolute Niete war, im
Kochen. Das alles ändert sich, als eines Tages die neue Putzfrau und
Köchin Mrs. Potter ins Haus kommt. Die Dame ist zwar etwas ordinär,
aber Backen und Kochen, das tut sie ohne Unterlass, und wie! Sogleich
betört sie Nigels Vater mit diesen Vorzügen und ruft damit
selbstredend die Eifersucht des Jungen hervor. Seine Versuche, mit
Mrs. Potters kulinarischen Fähigkeiten mitzuhalten, scheitern
natürlich kläglich. Wer bringt die bessere Zitronen-Baiser-Torte
zustande? Keine Chance. „Toast“ erzählt die Jugendgeschichte des
beliebten englischen Fernsehkochs und Restaurantkritikers Nigel
Slater, dem es im wirklichen Leben auf lange Sicht also doch noch
gelang, mit seiner Stiefmutter gleichzuziehen. Eine Coming of
Age-Geschichte, die anrührend und komisch zugleich ist. In den
zuweilen herrlich absurd überzeichneten Situationen brilliert ganz
besonders Helena Bonham-Carter als Mrs. Potter. Die Vielseitige
meistert alle ihre Rollen, zuletzt die Queen Mum in „The King’s
Speech“.

Großbritannien
2010, Regie: S.J.Clarkson, Darsteller: Helena Bonham-Carter, Freddie
Highmore, Ken Scott, ab 6, 96 min